Milram-Profi Fabian Wegmann gewinnt zum zweiten Mal in Serie den Radklassiker am 1. Mai und peilt für die 50. Auflage den Hattrick an
Am Morgen ist es besonders schlimm. Kurz nach dem Aufstehen, „wenn der Motor noch kalt ist“, erzählte Fabian Wegmann, falle es ihm besonders schwer, richtig durchzuatmen. Eine Folge seines letzten Sturzes beim Flèche Wallonne. „Ich bin voll in die Leitplanke gerauscht.“ Dabei hatte er sich die Brust geprellt. Sehr schmerzhaft, aber nicht der Rede wert, behauptete der 29 Jahre alte Radprofi aus dem Team Milram. Denn „wenn ich warm gefahren bin, das Rennen richtig schwer wird, merke ich davon nichts mehr.“ So wie am Samstag. Anfangs „dachte ich, dass es keine gute Idee ist, heute zu fahren“. Am Ende des deutschen Frühjahrsklassikers mit dem unaussprechlichen Namen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ war der Vorjahressieger aber der Schnellste.
Jeder „normale“ Mensch würde das Rad nach so einem Sturz für eine Weile zur Seite stellen. Vor gut sechs Wochen war Wegmann schon einmal böse auf den Asphalt geklatscht: Schlüsselbeinbruch bei Tirreno-Adriatico. „Nach fünf Tagen saß ich aber wieder auf dem Rad“, erzählte der schmächtige Radprofi, als hätte es sich dabei nur um einen Routinebesuch beim Zahnarzt gehandelt.
„Phantastisch“, „unglaublich“, „traumhaft“. Wegmann sprudelte nach seinem Sieg nur so vor Begeisterung. Mit ähnlichem Verve war er die letzten 300 Meter der 202,7 Kilometer ins Ziel vor der Alten Oper in Frankfurt gesprintet. Von vorne, offensiv. „Ich habe nicht nach links und rechts geschaut, sondern mich nur an der Bande orientiert.“ Der berühmte Tunnelblick bis ins Ziel. Danach gab es kein Halten mehr. Wegmann sprang vom Rad - und seinen Kollegen Christian Knees und Niki Terpstra in die Arme. „Ohne Christian und Niki hätte ich nie gewonnen“, pries Wegmann das Duo und die taktische Glanzleistung seiner Mannschaft.
Milram attackierte und setzte am Tag der Arbeit im Taunus ständig Nadelstiche. „Wir haben das Rennen schwer gemacht, wirklich hart gearbeitet, unsere Taktik ist voll aufgegangen“, sagte Milrams Sportlicher Leiter Christian Henn. Erstes Ziel der Milchmänner musste es sein, einen Sprint des Hauptfeldes zu verhindern. „Gegen André Greipel oder Robbie McEwen wären wir chancenlos gewesen“, sagte Wegmann. Glück im Unglück gesellte sich dann auch noch hinzu. Lokalmatador Tony Martin, Co-Kapitän neben dem in diesem Frühjahr überragenden Sprinter Greipel im US-Team HTC-Columbia, war im Taunus 90 Kilometer vor dem Ziel nach einem Sattelbruch vom Rad gefallen. Bis er sein Gefährt tauschen konnte, war die Meute weggesprungen und das Rennen für HTC verloren.
Für das einzig verbliebene deutsche ProTour-Team Milram glich der Verlauf des Rennens einem Bewerbungsschreiben um potenzielle neue Sponsoren. Ohne Geldgeber ist sonst am Ende der Saison Schluss für Teamchef Gerry van Gerwen - und viele seiner Angestellten. Wegmann macht sich darüber aber keinen Kopf. „Ich verdränge das einfach. Mein Vertrag läuft sowieso aus. Ich gebe mein Bestmögliches, der Rest kommt dann von selbst“, sagte der Wiederholungstäter nach seiner Titelverteidigung. Ein Kunststück, das in der 49-jährigen Geschichte des Frankfurter Radklassikers nur zwei Fahrern gelungen war: Dem Belgier Ludo Peters (1982/83) und Phil Anderson aus Australien (1984/85). Im nächsten Jahr soll dann der Hattrick folgen. Drei Siege in Serie, das gab es noch nie am 1. Mai. Die 50. Auflage des Klassikers wäre dafür wie geschaffen. Die Finanzierung, bedeutete die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth ("Der alte Klassiker hat eine Zukunft"), sei gesichert. Die Kommune ist Mitsponsor des Rennens und steht wie die Stadt Eschborn in Person von Bürgermeister Wilhelm Speckhardt ("Eine ganz fantastische Sache - wir wollen das weiter machen.") auch für 2011 im Wort.